Das kleine Piep auf der Fensterbank & Paula

 

Es war einmal vor langer, langer, ganz langer Zeit, also irgendwann in der letzten Woche, da hörte ich eine Geschichte. Die war so wundersam, dass sie mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht und ich möchte sie allen erzählen, die mir zuhören mögen.

Der Mann, der sie erzählte, begann wie folgt: „Du wirst nicht glauben, was meine Tochter mir erzählt hat.“

Das Mädchen, von dem er sprach, hat den Namen Paula und sie ist acht Jahre alt. Die Geschichte erzählte der Vater auf dem Weg nach Hause, während er mit seinem Freund oder Kollegen im Bus saß und niemand, der in ihrer Nähe saß, kam umhin, zuzuhören, während er so erzählte, denn der Bus war recht voll. Die meisten Leute hatten Einkäufe in der Hand oder umklammerten Ruck­säcke und Taschen.

Sehr viele waren wie die beiden Männer unterwegs nach Hause und in leicht gedrückter Feierabendstimmung, weil der Stress des Tages all zu arg an ihre sowieso schon von der Vorweih­nachts­zeit strapa­zierten Nerven gezupft hatte.

Nicht so der Vater, der von seiner Tochter erzählte. Seine Augen funkelten ver­­schmitzt, als sein Freund oder Kollege ihm aufmerksam zu hörte. Wie ich auch und wie wohl alle, die um sie drum herum standen oder saßen.

Paula, so ihr Vater, geht schon in die 2. Klasse und ist sehr stolz darauf, im Lesen und im Schreiben gelobt worden zu sein. Nun, so trug es sich zu, dass die kleine Paula sich dieser Tage im November hinsetzte und zu schreiben begann.

Sie verkündete: „Ich schreibe einen Brief an das Christkind.“

Ihr großer Bruder, sein Name ist Michael, so der Vater, sagte, dass es das Christkind gar nicht gäbe, woraufhin Paula sehr wütend wurde.

Natürlich wusste sie, dass es das Christkind nicht gab und der Weih­nachts­mann eine Erfin­dung eines ameri­kanischen Limo­naden­­her­stellers war.

Aber sie mochte die Weihnachts­zeit und sie wünschte sich viele kleine und große und noch größere Geschenke. Sie hatte fleißig Werbung geschaut und sich dabei eifrig all das notiert, was ihr gefiel und wenn sie mit ihrer Mutter einkaufen ging, blieb sie auch immer wieder vor den großen Regalen im Supermarkt mit dem Spielzeug stehen, um zu sehen, ob das, was sie im Fernsehen gesehen hatte, auch tatsächlich zu kaufen war.

Wenn sie alle zusammen mal in die Stadt gingen oder in die großen Einkaufs­zentren, dann stand sie vor dem Schaufenster, den riesigen Regalen und den Ständen und sagte: „Das möchte ich und das möchte ich und das auch. Das habe ich mir auch aufge­schrieben.“ Und wenn die kleine Paula an den Mobilfunkgeschäften vorbei ging, dann sagte sie: „Das ist das, was meine Freundin Luzia auch hat.“

Luzia hatte schon ein Smartphone bekom­men.

So ein echtes, nicht das für Kinder. Es war groß und glänzend und sie hatte sich viele Spiele heruntergeladen und sie konnte in der Whatsapp-Gruppe immer alle so schnell anschreiben. Niemand konnte ihr dabei das Wasser reichen.

Paula wünschte sich auch ein Smart­phone. Ein richtiges mit großem Display und bunten Farben und es musste das sein, was Luzia auch hatte und dann aber die neueste Generation davon, denn eins, das genauso alt war, wie das von Luzia, das ging nicht.

Paula hatte bisher kein Smartphone von ihren Eltern bekommen und sie fand, dass das nicht so richtig sein konnte. Sie sagte das wirklich so. „Das ist nicht richtig, Papi. Ich muss auch ein Smartphone haben, denn alle in meiner Klasse haben ein Smart­phone.“ Das stimmte zwar nicht, aber das war auch nicht wichtig, dass das nicht stimmte. Ihr Vater wusste das und sie wusste es auch. „Und außerdem“, so fuhr sie fort, „hat Michael ja auch ein Smart­phone. Also kann ich auch eins haben.“ Die Logik war natürlich unschlag­bar. Ihr Bruder hatte eins, also musste sie auch eins bekommen. „Und, Mama“, sagte sie, nachdem sie festgestellt hatte, dass sie auch ihre Mutter darum bitten musste, da ihr Vater noch immer skeptisch schaute, „Ich kann dich dann immer anrufen, wenn ich mal später komme. Außerdem kannst du mich dann anrufen, wenn ich zu spät bin und ich das vergessen habe. Du kannst mich auch bei Whatsapp an­schreiben. Oder mir Bilder und Videos schicken, und dann kannst du…“

Und so ging es in einem fort. Doch das war nicht das einzige.

Im Sommer war der Paula auch noch ihr heißgeliebtes Skateboard kaputt ge­gangen. Sie hatte nun eins gesehen, das zwei­geteilt war, mit dem sie mühelos die schönsten Kunststücke machen könnte, und auch das wünschte sie sich.

Sie hatte schon ihren Bruder ange­bettelt, dass er ihr seins leihen sollte. Aber Michael dachte nicht daran und sagte ihr außer­dem, dass sie ja noch zu klein sei, um so ein großes Board beherrschen zu können. Und so sammelten sich die Klagen der kleinen Paula und deren Wünsche. All das schrieb sie in den Brief an das Christ­kind, von dem sie wusste, dass der Brief eigentlich an ihre Eltern und ihre Großeltern ging. Und ihre Tanten und ihre Onkel. Und all die Erwachsenen, die ihr sicherlich die Wünsche erfüllen würden, die sie so in ihrem Herzen trug und ihre Seele schwer machten.

Wie sie da so saß und schrieb und malte, ja, sie malte auch, denn sie war auch im Malen sehr gut, wie sie fand, vergaß sie die Zeit und ihr wurde sehr viel leichter zumute. Die vielen Bunt­stifte, die sie im Sommer zum Geburts­tag geschenkt be­kom­men hatte, tanzten weich über das Papier und bald hatte Paula allerlei Dinge aufgemalt, sie mit Er­klärungen versehen und dann noch aufgeschrieben, was sie sich von all den vielen Dingen am meisten wünschte.

Was sie sich noch wünschte war, dass ihre Eltern ein Einsehen hatten und auch mal öfter auf sie hörten, wenn sie etwas sagte. Und, dass ihr Bruder lieber sein sollte, denn er war ja schließlich älter als sie und musste lieb sein, denn sie war die jüngere Schwester und das war schon Last genug für so ein junges Leben.

Besser wäre es gewesen, ihr Bruder wäre der jüngere von ihnen. Aber das war nun nicht mehr zu ändern, gestand sie ein und deshalb hätte sie das Recht darauf, dass er lieb zu ihr sein müsste.

Als sie die vielen, vielen, vielen Seiten so ansah, nachdem sie den letzten Satz geschrieben hatte, war Paula ganz zufrieden mit sich und ihrer Arbeit. Jawohl, Arbeit, denn es hatte viel Zeit in Anspruch genommen, die Seiten zu füllen und alles feinsäuberlich abzu­haken, was sie aufgeschrieben hatte und was zuvor nicht mehr als Worte und Bilder in ihrem Kopf gewesen sind. Schließ­lich durfte sie ja nichts ver­gessen.

Sie faltete die Seiten einmal und dann noch einmal und erhob sich. „Mama“, rief sie laut durch das Haus, „Mama, wo bist du?“

Der Mann, der so von seiner Tochter erzählte, wurde plötzlich unterbrochen, als er das erzählte. Eine junge Dame war ins Stolpern geraten, hielt sich an dem Mann fest, und mit ihr stolperten weitere Fahrgäste hilflos, wobei die einen oder anderen das Pech hatten, keinen Halt zu finden. Der Busfahrer hatte abrupt in die Bremsen treten müssen, aber was der Grund dafür war, konnte niemand an dieser Stelle sehen. Die Leute blickten den Erzähler an, dem nun aufging, dass ihm außer seinem Freund oder Kollegen, noch sehr viel mehr zuhörten. Die junge Dame lächelte und meinte: „Sorry, erzählen Sie weiter!“

Der Mann räusperte sich, blickte in die Runde und sah nur zu deutlich in den Gesichtern der anderen, dass er die Zu­stim­mung zur Fortsetzung besaß, doch nur die junge Dame hatte ihn mit Worten aufgefordert. Er räusperte sich erneut und erwiderte das Lächeln.

„Nun“, sagte er, „sie rief: Mama, wo bist du? Sie kann sehr laut rufen, so dass man es bis bei den Nachbarn zwei Häuser weiter hört.“

Der Mann lächelte bei dem Gedanken. „Aber trotzdem glaubt sie, niemand würde sie hören. Doch das war nicht so.“

Paula bekam jedoch trotzdem keine Antwort, weil niemand sie in diesem Moment sie hörte. Der Mann machte eine kleine Pause. „Etwas hatte sich ver­ändert. Paula wusste nicht, wie sie das genau erklären sollte, aber sie erzählte: Es war, als hätte das Licht seine Farbe gewechselt und die Luft hatte nach Zimt schmecken.“

Paula schaute verwirrt in die Küche. Niemand war da. Dabei hatte ihre Mutter doch einen Kuchen in den Ofen geschoben und es hätte gar fein nach Kuchen riechen müssen. Aber die Küche roch nicht nach Kuchen sondern nach feinstem Zimt. Und nach Vanille und nach etwas anderem, was Paula jedoch nicht so richtig einordnen konnte. Aber sie fand, dass ungemein lecker roch.

„Wo seid ihr“, rief sie weiter, „Ich brauche einen Briefumschlag für den Brief an das Christkind. Ich kann doch nicht den Brief so abschicken. Ich brauche einen Brief­umschlag und eine Brief­marke. Und, Mama, weißt du, wo das Christkind wohnt? Wohnt es im Himmel? Oder hat es Weihnachten eine Wohnung oder ein Haus auf der Erde? Papa? Mama?“

Paula schaute in jeden Raum, aber da war niemand. Nur dieser feine Geruch nach Zimt, Vanille und diesem anderen feinen Geruch, der so lecker war. Als sie so gar niemanden sehen oder hören konnte, rief die kleine Paula nach ihrem Bruder Michael. Aber auch der antwortete ihr nicht und in seinem Zimmer lief nur die Konsole, auf der er sein aktuelles Lieblingsspiel gespielt hatte, auf Wartemodus.

Paula verwirrte das und so langsam wurde ihr das unheimlich. Noch nie war sie allein in dem Haus gewesen.

Noch nie war niemand hier gewesen, wenn sie hier war. Immer war jemand da. Selbst ihr Bruder war immer da, wenn ihre Eltern nicht da waren. Dann hatte er, wie er immer lautstark bekundete, die undank­bare Aufgabe, auf die kleine Kaulquappe aufzupassen.

Das sagte er öfter und meist dann, wenn er seine kleine Schwester ärgern wollte. Da er das öfter vorhatte, sagte er recht häufig Kaulquappe.

Normalerweise ärgerte das Paula unge­mein, doch jetzt, in diesem winzigen Moment hätte sie alles dafür getan, wenn Michael nach der „Kaulquappe“ gerufen hätte. Aber es war still. Sehr still. Und Paula konnte nicht leugnen, dass ihr Herz ein ganz klein wenig schneller schlug.

Angst. Nein, Angst war es ganz bestimmt nicht, versicherte Paula später ihrem Papa und ihrer Mama. Sie war schließ­lich schon groß und auch kein Feigling wie der Thaddäus und die Anna in ihrer Klasse, die es nicht einmal an der Kletterstange bis in die Mitte schafften. Sie war kein Angsthase. Aber ihr kleines Herz hatte doch ein wenig schneller geschlagen, als ihr mehr und mehr gewahr wurde, dass nur sie allein zu Hause war.

„Mama, Papa, Michael“, rief sie ein wenig leiser.

Ihr Vater blickte auf seine Hände und lächelte ein wenig. „Das ist nicht ganz wahr“, sagte er, „Sie hat mir davon nichts erzählt, aber ich kann es mir gut vorstellen, dass sie wirklich große Angst hatte. Das Haus war leer und sie ganz allein. Die vertraute Umgebung war auf einmal unheimlich und die Menschen, die sie kannte, nicht mehr da. Ich denke, sie hat noch einmal und ein weiteres Mal gerufen.“

Als sie dann nicht umhin kam festzu­stellen, dass sie wirklich allein war, ging Paula zurück in ihr Zimmer und starrte auf ihren umfangreichen Wunschzettel. Es ängstigte sie, so ganz allein. Der dumme Briefumschlag war mit einem Mal so unwichtig. Wichtiger war, dass ihre Mama nicht da war und ihr Papa und auch ihr Bruder Michael nicht.

Doch, bevor es sie so sehr ängstigte, dass die Tränen flossen, blendete sie etwas von ihrem Fenster aus. Paula kniff ihre Augen zusammen und versuchte zu sehen, was es war.

Sie brauchte ein wenig, um es zu sehen. Es war ein Licht. Ein ganz kleines Licht. Fast wie ein Sternenfunkel und so winzig wie ihr kleiner Fingernagel. Und trotzdem war es so hell, dass sie noch immer die Augen zusammenkneifen musste.

Das Licht kam von ihrem Fenster­brett. Etwas lag da und Paula fragte sich, was es sein mochte. Kurz­ent­schlossen lief sie in den Flur, um ihren kleinen, roten Mantel zu holen, sich anzuziehen und so in den Garten zu stapfen. Mama hätte sicherlich gesagt, dass sie noch ihre Stiefel anziehen sollte und damit die Winterstiefel gemeint.

Aber Paula dachte nicht daran, denn sie fand die Regenstiefel weit praktischer, da sie dort nur hineinschlüpfen musste.

Sie stapfte mit ihren Stiefel über die nasse Wiese, da es den ganzen Tag geregnet hatte und es schmatze so komisch, wie es immer schmatzte, wenn sie über die Wiese hinter dem Haus lief.

Im Sommer mochte Paula diese Wiese sehr. Sie war dann immer über und über mit Gänseblümchen und Butter­blumen übersät, weil sie ihren Papa darum gebeten hatte, nicht zu häufig mit dem Rasen­mäher darüber zugehen. Doch im Winter mochte sie die Wiese nicht. Sie wirkte so tot und grau, dass sie sie gar nicht ansehen mochte. Schlim­mer noch waren die Büsche, die mit dem Sommer ihre Farbe zu verlieren schienen, obwohl die meisten von ihnen gar nicht ihr Laub verloren. „Immergrün heißt das“, hatte ihre Mutter ihr erklärt. „Damit es im Winter nicht so grau aussieht.“

Paula fand, dass es gar nicht half. Die leeren Baumgerippe und Sträucher hätten wenigstens mehr Licht in den Garten gelassen, so wirkte alles dunkel. Das hatte sie auch ihrer Mama gesagt, aber die mochte die Büsche, wenn sie im Frühling über und über mit Blumen bedeckt waren. Dann, aber nur dann, mochte Paula auch die Büsche.

Jetzt jedoch lenkte sie sich von ihrem Kummer ab, wenn sie an das leere Haus dachte und sich fragte, wo ihre Eltern waren. Sie ließ sich von dem gleißenden und so überaus winzigen Licht ab­lenken.

Noch immer funkelte es unvermindert und Paula sah, dass es nicht von etwas ange­strahlt wurde, sondern aus sich selbst heraus so leuchtete.

„Piep“, hörte Paula auf einmal und blieb überrascht stehen.

„Piep?“, fragte sie leise. „Hat jemand Piep gesagt?“

„Piep“, wiederholte das zarte Stimmchen und, so schien es Paula, es kam direkt von diesem kleinen Licht. Paula trat näher, stellte sich auf die Zehenspitzen, denn sie war noch zu klein, um auch ohne Zehenspitzen etwas auf dem Fenster­brett zu sehen.

„Ist da wer, der da Piep sagt?“, fragte Paula.

„Ich!“, sagte das Stimmchen wieder.

„Wer ist ich?“, fragte Paula und wurde ein ganz klein wenig aufgeregt.

„Ich, Piep.“

„Du heißt Piep?“, fragte Paula und konnte es nicht glauben. Niemand hieß Piep. Piep machte man, aber man hieß nicht so. Genauer gesagt machten die Vögel Piep. Sie zwitscherten und manche machten auch nur einfach Piep. Aber niemand hieß so. Da war sich Paula ganz sicher.

„Ich heiße Piep!“, erwiderte der Licht­funke und Paula wusste, dass es der Lichtfunke war, der da sprach. Es musste so sein, denn sie hatte sich um­gesehen. Da war niemand in ihrer Nähe, der gesprochen haben könnte. Wenn aber niemand da war, dann blieb nur das, was da vor ihrer Nase funkelte.

„Müsstest du nicht Funke oder Fünkchen heißen?“, fragte Paula.

„Warum?“, fragte Piep.

„Nun, du funkelst

Piep kicherte. „Ja, stimmt, aber meine Freundin heißt Funkel, meine andere Freundin hießt Fünkchen und mein Freund heißt Kleiner Funke. Und dann habe ich noch viele weitere Freunde und Freun­dinnen. Aber die heißen anders. Ich heiße Piep, weil ich immer Piep sage. Nun, nicht immer. Aber recht häufig und dann, wenn ich überrascht bin“

„Ach so!“, sagte Paula, wobei sie das So ganz lang aussprach. Also „Sooooooo!“ Paula berührte mit ihrer Nasenspitze die Kante des Fensterbrettes. „Und, was suchst du hier? Und, was bist du überhaupt? Bist du eine Fee oder eine Elfe oder…“

„Stopp, stopp“, rief Piep und Paula konnte ein paar winzige Hände in dem Funkeln ausmachen.

„Was?“, fragte sie überrascht. Nicht wegen der Hände, vielmehr, warum sie unter­­brochen wurde.

„Das sind aber viele Fragen“, meinte Piep und machte ein Geräusch, das wie ein „Uff“ klang. „Stellst du immer so viele Fragen?“, fragte Piep.

Paula dachte ernsthaft über diese Frage nach und zuckte dann mit der Schulter. „Weiß nicht“, gab sie ehrlich zu. Sie ließ sich wieder auf ihre Füße sinken. „Darf ich dir eine Frage stellen?“, sagte sie nach einem tiefen Seufzer.

„Du hast schon viele Fragen gestellt, aber natürlich darfst du noch mehr Fragen stellen. Aber ich weiß nicht, ob ich auf alle eine Antwort habe“, er­widerte Piep großzügig und überaus freundlich.

„Hast du meine Eltern und meine Bruder gesehen? Sie sind nicht mehr da.“

Piep leuchtete für eine ganze Weile still vor sich hin, so dass Paula schon glaubte, dass das kleine Funkeln, das Piep hieß, sie nicht gehört hatte. Sie dachte keinen Moment daran, dass sie sich eingebildet hätte, dass Piep tat­sächlich existierte. Sie war sich dessen sicher, denn schließlich hatte das Funkeln und Schimmern eindeutig gesprochen. Nur, eben in diesem Moment nicht.

„Hast du gehört?“, fragte Paula.

„Ja, habe ich und ich überlege“, antwortete Piep. „Aber ich glaube, ich habe deine Eltern und deinen Bruder nicht gesehen“, gestand es dann.

„Sie sind weg und ich weiß nicht, wohin sie sind. Ich habe keine Angst, ich bin schon groß. Aber es wäre schön, wenn sie wieder da wären.“

„Vielleicht sind sie ja mal kurz weg­ge­gangen.“

„Aber das hätte ich doch bemerkt“, sagte Paula im Brustton der Überzeugung. „Schließ­lich war ich die ganze Zeit in meinem Zimmer.“

„Ah“, machte Piep, „Aber, wenn du es bemerkt hättest, wenn sie gehen, dann hättest du es doch bemerkt, oder nicht.“ Der Einwand war berechtigt. In jeder Hinsicht und ohne jeden Zweifel. Schließ­­lich hatte sie ja gesagt, dass sie in ihrem Zimmer gewesen war und es hätte bemerken müssen. Paula brachte das aber völlig durch­einander und sie sagte das auch: „Du bringst mich durch­einander.“ Sie war gehörig verärgert.

Wie konnte sie Piep nur so durch­einander bringen? Aber Piep blieb gelassen. „Nun, lass uns doch mal nach deinen Eltern und deinem Bruder suchen“, schlug Piep vor.

Das war ein guter Vorschlag, wie Paula fand und nickte eifrig.

„Nimm mich hoch. Ich kann nicht so schnell laufen wie du“, sagte Piep und Paula blinzelte.

„Sie blinzelte an dieser Stelle auch, als sie mir das erzählte“, erklärte ihr Vater nun­­mehr nicht nur allein seinem Freund oder Kollegen sondern allen, die ihm zuhörten und das waren eine ganze Menge Leute. Manch einer der Fahrgäste war nicht an seiner Bushaltestelle aus­ge­stiegen. Sie blieben einfach sitzen oder stehen, um die Geschichte zu Ende hören zu können. Es war eigentlich auch nicht sonderlich schlimm, fuhr der Bus auf dieser Strecke immer die gleiche Runde und irgendwann war er wieder an der Haltestelle, wo man zuvor hatte aussteigen wollen.

Jetzt aber war es nicht wichtig, was man noch zuvor vorgehabt hatte. Der Moment war zu wichtig und wichtig war auch, wie es mit Paula und Piep weiterging.

Paula, so erzählte sie es jedenfalls später ihrem Vater, Paula stellte sich wieder auf ihre Zehenspitzen und linste zu Piep. „Ich soll dich anfassen?“, fragte sie und die Frage war nun wirklich nicht un­berechtigt.

„Du bist so winzig. Ich will dich nicht kaputt machen.“ Das war überaus fürsorg­lich festgestellt, aber Piep ver­sicherte Paula, dass es alles andere als zer­brech­lich sei. „Halt einfach deine Hand hoch und ich hüpfe schon darauf. Ich bin klein, aber nicht aus Glas.“

Das ließ sich Paula nicht zweimal sagen. Sie machte mit ihrer Hand eine kleine Kuhle und hielt sie Piep hin. Piep hüpfte darauf und Paula kitzelte es. Sie musste kichern. Als sie die Hand vom Fenster­brett herunternahm, konnte sie das kleine Etwas näher ansehen. Flügel konnte Paula nicht erkennen. Eher war Piep ein kleiner, kleiner, sehr kleiner Mensch. Ob Junge oder Mädchen konnte Paula auch nicht feststellen. Piep schaute zu ihr auf. Die winzigen Händchen in die Hüfte gestemmt. „Und nun sollten wir nachschauen, wo deine Eltern sind“, bestimmte es die nächsten Schritte.

„Ich sagte dir schon, ich habe sie nicht gefunden“, versicherte Paula.

„Ja, ich weiß. Aber ich will auch mal sehen, ob ich etwas sehen kann, was du nicht sehen kannst.“

Paula legte den Kopf schief und zuckte dann mit der Schulter. „Na gut“, sagte sie und stapfte mit Piep auf der Hand über die nasse Wiese zurück ins Haus. Bei jedem ihrer Schritte schmatzte es unter den Sohlen und es lenkte sie ein wenig von ihrer Sorge ab, die keine Angst war, wie sie später immer wieder versicherte.

Piep schaute sich neugierig um, als Paula zurück im Haus war. „Ich setz dich ab“, meinte Paula und Piep hüpfte von ihrer Hand auf die Kommode im Flur, wo es dabei zuschaute, wie Paula ihren roten Mantel auszog und aufhängte und gleich darauf aus ihren Regenstiefeln schlüpfte. Als Paula fertig war, hielt sie Piep wieder ihre Hand hin. „Schauen wir uns um“, sagte Paula.

Wie beschlossen, erkundeten die Beiden das Haus vom Keller bis zum Dach, aber sie waren tatsächlich allein. Paula wurde klamm ums Herz und so langsam war sie den Tränen nahe. Bisher war sie tapfer gewesen und hatte versucht, Fassung zu bewahren. Aber jetzt, wo sie einmal mehr sehen musste, dass außer ihr und Piep niemand mehr im Haus war, brachte sie das fast aus der Fassung. Piep jedoch meinte: „Ich denke, dass du einfach nicht bemerkt hast, wie sie das Haus verlassen haben.“

„Aber Mama hat Kuchen gebacken und der Kuchen ist auch weg“, flüsterte Paula.

Piep überlegte und Paula konnte es sogar erkennen, obwohl das Gesicht so winzig war, dass sie es gar nicht hätte sehen können.

„Weißt du, wenn du willst, bleibe ich bei dir, bis sie wieder da sind. Deine Eltern und dein Bruder. Vertrau mir, ich denke, das wird alles wieder gut.“

„Meinst du wirklich?“, fragte Paula zaghaft, woraufhin Piep vehement nickte. „Aber ganz sicher. Zeig mir mal dein Zimmer! Solange sie nicht da sind, können wir uns ja dein Zimmer ansehen und spielen, wenn du magst. Ich bleibe in jedem Fall bei dir, bis deine Eltern wieder da sind.“

Da Paula zugegebenermaßen auch keinen besseren Plan hatte, stimmte sie zu. Sie brachte Piep auf ihrer Hand in ihr Zimmer und setzte es auf ihren Schreibtisch.

„Du hast was geschrieben?“, fragte Piep.

„Oh ja, es ist ein Wunschzettel. Für Weihnachten. Ich habe ihn an das Christ­­kind geschrieben, auch wenn ich weiß, dass Mama und Papa die Geschenke kaufen und Opa und Oma und Tante und Onkel und alle über­haupt. Aber ich schreibe ihn an das Christ­kind, weil es den Erwachsenen gefällt, wenn sie denken, dass man nicht Bescheid weiß.“

„Denkst du das?“

„Ja, sicher. An das Christkind, den Weih­nachts­mann und den Osterhasen glauben nur ganz kleine Kinder und ich bin kein kleines Kind mehr. Ich bin acht Jahre alt.“ Das sagte Paula nicht ohne Stolz und sie lächelte dabei ein ganz klein wenig.

Piep jedoch schaute sie ganz verwundert an. „Du glaubst nicht mehr daran, weil du groß bist?“, fragte es verwundert. „Das macht keinen Sinn.“

„Natürlich macht das Sinn“, beharrte Paula, „wenn man groß wird, dann glaubt man nicht mehr an alles. Und außerdem weiß ich es ganz genau: ich habe gesehen, wie Papa und Mama die Geschenke eingepackt haben. Da war ich schon fünf Jahre alt. Seit dem weiß ich, dass es das Christkind gar nicht gibt.“

„Und den Weihnachtsmann und den Oster­hasen.“

„Ja, genau. Der Weihnachtsmann ist erfunden worden. Michael sagt, dass der irgendwas mit Cola zu tun hat. So genau habe ich das nicht verstanden. Aber die haben ihn erfunden. So 100 Jahre ist das her. Also schon ziemlich lange.“

Piep schüttelte den Kopf und wirkte ganz und gar bekümmert.

„Das ist nicht richtig.“

„Wohl ist das richtig!“, rief Paula empört. „Ich lüge nicht.“

„Das habe ich nicht gesagt“, sagte Piep, „Ich sagte, dass das nicht richtig sei.“

„Du sagst wieder, dass ich lüge.“

Piep seufzte. „Nein, das bedeutet, dass die Geschichte nicht richtig ist, auch wenn du denkst, dass alles richtig ist. Damit lügst du nicht, aber du weißt nicht alles.“

„Du bist kleiner als ich. Also sag das nicht so!“

Piep kicherte. „Das hat doch mit der Größe nichts zu tun“, gluckste es.

„Doch“, beharrte Paula.

Piep kicherte weiter, so dass Paula jetzt eindeutig beleidigt und verletzt aussah, als sie Piep dabei betrachtete.

Piep schien das jedoch nicht zu entgehen, denn es wurde schnell wieder ernst. „Ich will dich nicht ärgern“, sagte es, „weißt du, du bist witzig. Soll ich dir was erzählen?“

Paula sah Piep eindeutig skeptisch an.

„Es gibt viele Menschen, die nicht an das alles glauben, was du gesagt hast, aber sie glauben dann wiederum an Dinge, die genauso falsch sind oder richtig, aber nicht so, wie sie es sich vorstellen. Ich kann dir etwas über den Weih­nachts­mann sagen und über das Christkind. Aber du darfst mich nicht auslachen oder dich ärgern oder wütend sein!“

„Ist es lustig, gemein oder böse?“

„Kommt darauf an!“

„Erzähl!“, erlaubte Paula großzügig und setzte sich auf ihren Stuhl.

„Du hast recht, wenn du sagst, dass der Weihnachtsmann erfunden worden ist. Aber nicht von dem Coladings.“

„Hat Michael gesagt und der weiß fast alles.“

„Eben, fast. Der Weihnachtsmann ist viel, viel, viel älter. Und vor ihm brachte der Heilige Nicolaus am 6. Dezember die Geschenke, wie er es heute auch noch macht in diesem Teil der Welt. Erst später kam der Weihnachtsmann und so genau ist es nicht mehr bekannt, wer ihn erfand. Es gibt da viele Versionen. Auch das Christkind brachte erst gar keine Geschenke.“

Paula schnaufte. „Das ist blöd!“, sagte sie, „Keine Geschenke. Das ist ja gar kein richtiges Weihnachtsfest.“

„Meinst du?“

„Ja, ohne Geschenke, kein Weih­nachten.“ Da war sie wieder, die unschlag­bare Logik. Piep schien das nicht sonderlich zu kümmern. „Das Fest ist alt, älter als der Weihnachtsmann und älter als das Christkind.“

„Wie soll das möglich sein?“, fragte Paula, „Ohne Weihnachten keinen Weih­nachts­­mann, er heißt schließlich so…“ Sie runzelte die Stirn.

„Und Christfeier fürs Christkind?“, fragte Piep

„Du bringst mich durcheinander!“, be­schwer­te sich Paula. „Du bringst alles durch­einander!“

Piep kicherte.

„Das ist nicht witzig!“

„Doch, ein ganz klein wenig. Du musst wissen, dass es das Fest gab, bevor es das hier alles gab. Vor dem Baum, dem Jesus­kind, den Geschenken. Es ist die Feier des Lichts.“

Jetzt wurde es Paula aber wirklich zu bunt. Was war an Licht so besonders? Man legte den Finger auf den Schalter, drückte ihn und dann war es Licht. Ganz einfach.

„Du musst wissen, dass es eine Zeit gab, wo die Dunkelheit in dieser besonderen Zeit besonders tief und undurch­dringlich war. Die Nächte wurden länger und es blieb nichts weiter, als das Feuer in der Feuerstelle oder das Licht einer Kerze, eines Öllichts oder etwas anderem.“

Paula faltete ihre Hände auf dem Schreibtisch und legte ihr Kinn darauf. So konnte sie Piep besser sehen.

„Wir hatten mal Stromausfall. Da hat Mama auch Kerzen angezündet“, sagte sie. „Da war es auch ganz dunkel.“

„Ja, so kannst du dir das vorstellen. Aber es hat nie Strom gegeben. Außer diesen kleinen Lichtern gab es nur die Sonne und ihre Strahlen wurden weniger und weniger. Die Farben ver­blassten, der Wind brachte Nässe und Kälte mit, und das Leben erstarrte in Eis und Schnee.“

Paula versuchte sich vorzustellen, wie es sein musste. So ganz ohne Licht und nur ein kleines Feuer. Es war schön, wenn eine Kerze brannte. Das Flackern war faszinierend und es bannte regel­mäßig ihren Blick. Aber sich vorstellen zu müssen, dass es immer so war, Paula fiel es schwer. Und irgendwie gruselte es sie auch ein wenig. Das musste sie sich eingestehen.

„Aber wieso dann das Fest?“, fragte Paula leise.

„Weil das Licht erstarb und mit ihm das Leben in diesem Teil der Welt. In der Zeit, wo das Weihnachtsfest liegt, ist die längste Nacht des Jahres. Viel wichtiger, es ist der kürzeste Tag des Jahres. Die Sonne ist nur ganz kurz da und dann geht sie für eine sehr lange Zeit nicht auf. Die Menschen versammelten sich in dieser Zeit und sie fingen an, sich Geschich­ten zu erzählen. Lange, kurze, traurige, lustige. Manchmal sangen sie und es wurde gegessen und getrunken. Man erfreute sich an der Gesellschaft des anderen und mitunter war diese Zeit die einzige, wo sich alle nach einem langen, arbeitsreichen Sommer und Herbst wiedersahen und sich unter­halten konnten. Gleichzeitig war da dieser kleine Funken der Furcht, dass das Licht nicht wiederkäme. Es gab große und kleine Rituale und dann, wenn die Sonne wiedergeboren wurde und ihr Lauf nach der längsten Nacht des Jahres wieder länger wurde, dann war das ein Grund zum Feiern. Irgendwann wurden es dann richtige Feste, wie man sie auch heute noch kennt und die doch überall ein wenig anders sind oder sehr viel anders. Es gibt Weihnachten hier in dieser Gegend mit Christkind oder mit dem Weih­nachts­mann, ganz, wie es sich ein jeder vorstellen will und mag. Aber das ist nicht die einzige Art. Es gibt Menschen auf der Welt, die feiern die Zeit anders und es gibt anderen Schmuck und andere Rituale. Es gibt das Diwali-Fest, das Chanukkah, die Yalda-Nacht und viele, viele mehr. Und manche Feste werden auch erst dann gefeiert, wenn die Menschen sich auch ganz sicher sind, dass die Sonne wirklich wieder ihren Lauf aufnimmt und das Jahr tatsächlich neu begonnen hat. Doch wichtig ist immer, dass alle sich treffen und gemeinsam feiern. Und es wird viel gegessen.“

„Keine Geschenke!“

„Doch, bei einigen Festen schon. Aber nicht bei allen. Manchmal sind es auch nur kleine Gaben. Warum ist das dir wichtig?“

Paula sah auf ihren gefalteten Wunsch­zettel und faltete ihn wieder auf.

„Ich habe mir alles aufgeschrieben, was ich von meinen Eltern will“, sagte sie.

„Oh, zeig mal!“ Piep sah neugierig auf die Blätter. „Das ist sehr viel!“

Paula nickte. „Ich wünschte jetzt nur, dass meine Eltern hier wären, und Michael soll wieder da sein. Und ich würde gern Kuchen essen.“

Piep hüpfte auf Paula zu und tippte mit seinen winzigen Händen auf Paulas Hand.

„Sie kommen, ganz sicher“, sagte es.

„Du bist dir sicher, ich aber nicht.“

Paula spürte, wie Piep etwas stärker ihre Hand drückte, wenn es auch für sie nicht viel war. Trotzdem tröstete es sie ein wenig.

„Weißt du was?“, fragte Piep und Paula legte den Kopf schief. „Was?“, fragte sie und ihre Stimme klang etwas weinerlich, auch wenn sie tapfer bisher ihre Tränen zurückgehalten hatte.

„Male doch noch ein weiteres Bild!“

„Und was?“, fragte Paula mit einem deutlichen Schniefen.

„Deine Mama, deinen Papa, deinen Bruder Michael und einen riesigen Kuchen“, schlug Piep vor.

Paula seufzte leise, aber sie nahm ein weiteres, schneeweißes Blatt Papier, zog sich ihre Stifte heran und nach einem kurzen Zögern begann sie zu malen. Piep setzte sich vor das Blatt und schaute zu. Paula vergaß für den Moment alles. Ihre Sorgen verflogen, während sie sich fragte, ob sie das hellere oder das dunklere Rot nehmen sollte. Sie hatte sich mit dazu gemalt in ihrem kleinen, roten Winter­mantel.

Als sie die letzten Schneeflocken gesetzt hatte und sie und ihre Familie in ihren schönsten Sachen zusammen mit einem großen Kuchen in einem Schneegestöber standen, fiel Paula auf, dass sie die ganze Zeit etwas gerochen hatte, was ihr gar nicht weiter aufgefallen war. Es roch wieder wunderbar noch Kuchen und immer noch nach ein wenig Zimt und nach Vanille und nach etwas, von dem sie nicht wusste, was es war.

Paula hob lauschend ihren Kopf. Da war der Fernseher zu hören und Michael erschoss gerade mit Hilfe seiner Konsole in seinem Zimmer ein ganzes Bataillon des Gegners. Paula blickte zum Rand ihres Blattes. Piep war weg! Für einen Moment bekam Paula einen heftigen Schreck und sie fürchtete, dass sie Piep unter ihrem Blatt begraben hatte. Aber Piep war auch da nicht und auch nicht auf ihrem Fensterbrett. Doch dann musste Paula auf­hören mit Suchen, denn sie wollte sehen, ob ihre Eltern wirklich wieder da waren. Sie musste Piep suchen, wenn sie ihre Eltern gesehen hatte.

So schnell ihre Beine sie trugen, lief Paula in die Küche und fand ihre Mutter dabei, wie sie eine Kanne Tee aufsetzte. Paula schrie mit einem Jauchzer auf und umarmte sie bei der Taille.

Ihre Mama sah erstaunt zu ihr runter. „Schatz, sei vorsichtig, das Wasser ist heiß“, warnte sie Paula. Paula kümmerte das nicht. Möglich, dass sie sich vielleicht ein wenig verbrannte, aber das hier war wich­tiger.

Ihre Mutter setzt vorsichtig die Kanne zurück und hockte sich hin. „Alles in Ordnung mit dir, Liebes?“, fragte sie.

Paula nickte. „Ja, jetzt ist alles in Ordnung“, sagte sie. Den merkwürdigen Blick ihrer Mutter ignorierte sie.

„Wo ist Papa?“, fragte sie.

„Der ist los, um noch Milch zu holen. Ich habe zu viel für den Kuchen ver­braucht.“

„Au ja, Kuchen!“, rief Paula.

„Gleich, Papa ist gleich zurück und dann, wenn ich den Zuckerguss drüber gegeben habe, gibt es Tee und Kuchen.“

Dieser Plan stieß bis auf ein Detail bei Paula auf große Zustimmung. Doch jetzt musste sie erst einmal in Michaels Zimmer stürzen, um nachzuschauen, ob ihr blöder, geliebter, großer Bruder wirklich da war und nicht nur seine Konsole.

Sie fand ihn hochkonzentriert davor und richtig, er zerlegte immer noch die gegnerische Reihe. Er blickte kurz auf seine Schwester und meinte in abge­hackten Sätzen: „Kann nicht, stör nicht, schwieriges Gelände, Level-up gefähr­det.“

Paula grinste breit und setzte sich da­neben. Als es jedoch an der Tür klapperte, sprang sie auf und rannte zu ihrem Vater, der tatsächlich nur von einem kleinen Ein­kauf wiedergekommen war. Auch er bekam eine heftige Um­armung und fragte sich, womit er das verdient hatte. Aber er erwi­derte die Geste und gab Paula einen dicken Kuss.

„Gibt gleich Kuchen“, sagte er leise.

Paula nickte. „Ja, es riecht lecker.“

„Wenn Mama nicht hinschaut, können wir vielleicht etwas klauen.“

Paula war bei diesem Vorschlag Feuer und Flamme. Tatsächlich hatten sie großes Glück und sie konnten den Kuchen unge­stört um ein winziges Stück kleiner machen, so dass später, als ihre Mama den Zuckerguss darüber gab, schimpfte und den Dieben damit drohte, gar kein Stück mehr zu bekommen. Sowohl Papa als auch Paula sahen ausreichend schuld­bewusst aus und so bekamen sie trotzdem noch ein weiteres Stück Kuchen samt Zuckerguss, Tee und Milch.

Früh am Abend erinnerte sich Paula wieder an Piep und suchte es. Aber sie konnte keine Spur von dem kleinen Sternen­funkel finden. Sie blickte auf ihr Bild und setzte sich noch einmal ihren Schreib­tisch. Neben ihrem Abbild malte Paula mit ein wenig hellem Blau und einem Gelb und einem etwas dunkleren Blau ein kleines Funkeln. Zufrieden betrach­tete Paula ihr Werk, als es endlich fertig war.

„Ich hoffe, du bist gut nach Hause gekommen“, murmelte Paula leise. Als ihr Blick auf die unzähligen Blätter mit ihren Wünschen fiel, nahm sie sie kurzer­hand und schmiss sie in den Papierkorb.

Das Bild hingegen brachte sie in die Küche und machte ein wenig Platz an der Tür des Kühlschranks. Dann machte sie es mit Magneten fest, so dass jeder es sehen konnte, wenn er etwas aus dem Kühlschrank nahm.

„Irgendwann später erzählte sie mir und meiner Frau von Piep und was sie gemacht hatte“, erzählte der Mann und in seinen Augen war Glanz.

„Ich denke, dass sie eingeschlafen ist“, ertönte es irgendwo von weiter hinten.

„Möglich“, sagte der Mann, „Ich weiß es nicht. Jedoch, als wir sie nach ihrem Wunschzettel fragten, um ihn zum Christkind schicken zu können, sagte sie, dass sie keinen schreiben würde. Sie wollte jedoch noch so einen Kuchen zu Weihnachten haben, wie sie ihn an diesem Tag gegessen hatte. Doch, wie auch immer, ich glaube ihr.“ Er lächelte ein wenig. „Manchmal vergessen wir auf dem Weg in unserem Leben die Dinge, die uns wirklich wichtig sind. Diese winzigen Momente von Magie. Von echten Gefühlen. Die kleinen Gewiss­heiten. Wer auch immer Piep gewesen war oder ist, Paula war es wichtig gewesen und es war da, als Paula ganz dringend einen Freund gebraucht hatte.“

„Und, was bekommt sie zu Weihnachten. So ganz ohne Wunschzettel?“, fragte die junge Dame, die ins Stolpern geraten war.

Der Mann grinste verschmitzt. „Oh, ganz einfach, sie bekommt ein neues Skate­board. Das von ihrem Bruder kann sie nicht nehmen. Es ist zu schwer und zu groß für sie. Aber er hat es ihr nicht gesagt, weil er sie ärgern wollte, wobei er sie mehr damit geärgert hatte, als er ihr sagte, dass sie zu klein sei, was letztlich wohl auf dasselbe hinausläuft.“

Auf diese Worte hin lachte der eine oder andere.

„Grüßen Sie Ihre Tochter“, sagte die junge Dame und lächelte. Sie hatte ihre Halte­stelle erreicht und mit ihr stiegen auch weitere Gäste aus.

„Das war eine sehr schöne Geschichte“, sagte ich dem Mann. Dieser blickte sich zu mir um und nickte. „Aber es ist keine Geschichte. Ich meine, sie ist wahr.“

„Das sind Geschichten immer. Sie sind wahr und sie werden wahrer mit jedem Moment, an dem wir sie erzählen. Darf ich diese Geschichte weitererzählen.“

Der Mann schaute mich erstaunt an, ebenso sein Freund oder Kollege. Der Mann nickte. „Warum nicht? Erzählen Sie die Geschichte weiter.“

Ich lächelte und erhob mich meinerseits, weil die nächste Haltestelle mein Ziel war.

„Ich wünsche Frohe Weihnachten“, sagte ich und stieg aus und während ich noch einmal kurz in die Gesichter der anderen Fahrgäste schaute, konnte ich das kleine Piep erkennen. Dieses kleine Sternen­­funkeln. Den Moment der Magie und ich lächelte ebenfalls.

Frohe Weihnachten allerseits und ein schönes Fest

Advertisements

NaNo und das Schreiben

Ich muss ein wenig pausieren. Weniger das Schreiben und auch weniger das NaNo (das? egal). Aufgrund einer technischen Störung bin ich einige Zeit nicht online. Dafür werde ich jedoch eine kleine Weihnachtsgeschichte online stellen – mit Zeitstempel. Wenn ich wieder da bin, habe ich mehr Stoff. Ganz sicher. Ich bin ein Schreibjunkie.

Wir sehen uns.

Wochenendarbeit

Ich habe jetzt das Manuskript, das nächstes Jahr (unter Pseudonym) rauskommen wird, endlich soweit fertig und vom Tisch, das es eigentlich beim nächsten Mal als Buch auf meinem Tisch landen sollte. Coverboy ausgesucht, sauber gelesen, frei gegeben. Hört sich gut an.

Das zweite Buch ist soweit fertig, dass ebenfalls der Coverboy das Thema ist und meine Co-Autorin muss es noch freigeben. Hah, endlich auch das erledigt. Dann sind es nur noch zwei Bücher, die nur halb fertig sind, bevor wir von Cover-Boys sprechen können. Lektor steht an. Drückt die Daumen, Leute.

Stand der Dinge

Das Dumme ist nur, mit der Story bin ich nicht einmal annähernd soweit, dass ich unter das erste Buch ein Ende schreiben könnte. Also: 59.449 Wörter und es geht weiter.

 

Stand der Dinge bei NaNo

Es läuft momentan ziemlich gut. Ich habe bei NaNoWriMo jetzt rund 38.500 Wörter am Freitag letzter Wocher abgeliefert. Am Wochenende hatte ich mir frei genommen vom Schreiben. Heute waren es dann noch einmal 5.500 Wörter und ein wenig mehr.

Was ich jedoch nicht lassen konnte, war ein wenig Druck auf mich auszuüben. Gut, ich habe dabei auch ein paar Leute von mir motiviert, damit sie mich motivieren. Meine Co-Autorin habe ich dazu gebracht, dass sie vielleicht, aber nur vielleicht ihren Roman, an dem sie schon seit ein paar Jahren schreibt, mit in diesem November beendet. Ihr persönliches NaNo. Die andere kapituliert im Halbstundentakt. Aber so recht aufgeben, ne, das macht sie dann doch nicht.

Ich hoffe, dass beide durchhalten. Leider kann ich den einen Roman nicht so richtig mitverfolgen, da er auf Englisch geschrieben ist und mein Englisch irgendwo zwischen vorhanden und ich kann mir eine Pizza bestellen und nicht vorhanden sich befindet: was steht da? Egal, ich kenne die Story, habe mitgeholfen, eine Klippe mit zu bekakeln und daher will ich auch, dass die Story beendet wird. Die andere kenne ich nicht. Die ist so nagelneu, dass sie eigentlich nicht mal im Kopf hat Staub ansetzen können. Ist leider ein Krimi. Der Autor weiß, wer tot ist und wenn er gut ist, weiß er, wer es war. Ich hoffe nur, die Charas spielen auch alle mit der Autorin. 😉 Ich jedenfalls plotte mal weiter.

Noch zum Mitfiebern: Die Rohfassung ist bei wattpad hochgeladen. Lesen auf eigene Gefahr. Ist eine Rohfassung. Fehler sind inklusive.

Es ist bald soweit…

Es ist bald soweit und ich melde, als ob ich nichts besseres zu tun hätte, bei facebook an, um einen Account anzulegen. Am Sonntag ist der Tag.
http://nanowrimo.org/ Schließt seine Pforten auf und alle Schreibverrückten dürfen im November 50.000 Wörter in ihre Tastaturen hauen. Ich habe das Vergnügen nicht das erste Mal. Aber es ist schon wieder fünf Jahre her und ich fange von vorn an. Neuer Account und neue Geschichte.

Heute muss ich noch die letzten Planungen durchgehen, dann hat das Füßegescharre ein Ende.
Wir sehen uns.